Deutschland steht nicht vor dem demografischen Wandel – es steckt mittendrin. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat gerade vorgerechnet, wie groß die Verschiebung wirklich ist: Von den über 19 Millionen Babyboomern haben rund fünf Millionen das gesetzliche Renteneintrittsalter bereits erreicht. Bis 2036 werden es alle sein.
Die Rentenwelle der Babyboomer ist damit die vielleicht größte wirtschaftliche Veränderung dieses Jahrzehnts. Für die Generation 55+ steckt darin aber auch eine gute Nachricht – denn selten war Erfahrung so gefragt wie jetzt.
Inhaltsverzeichnis
Die Rentenwelle der Babyboomer in Zahlen
Als Babyboomer gelten die geburtenstarken Jahrgänge von 1954 bis 1969 – über 19 Millionen Menschen. Der stärkste Jahrgang ist 1964 mit rund 1,4 Millionen Geborenen. Aktuell sind noch 14,1 Millionen Babyboomer unter dem gesetzlichen Renteneintrittsalter. Bis 2030 werden es nur noch 7,6 Millionen sein, ein Rückgang um 46,3 Prozent. Wer wissen möchte, wie sich die Generationen insgesamt einordnen, findet das in unserem Generationen-Überblick.
Warum bis 2036 eine Lücke von 4,3 Millionen entsteht
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass die Boomer gehen – sondern dass zu wenige nachrücken. Bis 2036 erreichen laut IW nur rund 9,8 Millionen Menschen das erwerbsfähige Alter. Verglichen mit den ausscheidenden Babyboomern entsteht damit bis 2036 eine demografische Lücke von rund 4,3 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter. Das tatsächliche Erwerbspersonenpotenzial sinkt im selben Zeitraum um rund 3,8 Millionen: von 55 Millionen im Jahr 2025 auf 51,2 Millionen im Jahr 2036, also um 6,9 Prozent. Bis 2045 geht es weiter zurück auf 50,4 Millionen.
Zum Einordnen: Ende 2025 lebten in Deutschland rund 110.000 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Mit 654.241 Geburten wurde zugleich der niedrigste Stand seit 1946 verzeichnet. In seiner aktuellen Bevölkerungsprognose geht das IW davon aus, dass die Einwohnerzahl bis 2045 auf etwa 81,1 Millionen sinken könnte.
Was die Rentenwelle der Babyboomer für die Wirtschaft bedeutet
Weniger Erwerbstätige müssen mehr Menschen mitversorgen. Das betrifft nicht nur Renten und Pflege, sondern auch die Frage, wer die Güter und Dienstleistungen erbringt, die alle weiterhin nutzen möchten. Das IW nennt drei Hebel: mehr qualifizierte Zuwanderung, eine höhere Erwerbsbeteiligung und eine längere Arbeitszeit pro Kopf. Und es macht Tempo: Der Höhepunkt der Verrentung kommt in wenigen Jahren, für Maßnahmen mit langem Vorlauf ist es zu spät.
Interessant ist auch, was das IW zur Künstlichen Intelligenz schreibt: Bislang schlägt sich der KI-Einsatz nicht in einem beschleunigten Produktivitätswachstum nieder. Eine mögliche Erklärung des IW: KI ersetzt zwar bestimmte Tätigkeiten, schafft aber zugleich neue Bedürfnisse, für deren Erfüllung wiederum menschliche Arbeit gebraucht wird. Wie Boomer KI für sich nutzen können, zeigen wir in KI für Boomer.
Warum Ihre Erfahrung jetzt gefragt ist
Die Rentenwelle der Babyboomer hat auch eine Seite, die selten erzählt wird – und sie ist gut. Wenn Arbeitskräfte knapp werden, steigt der Wert von Menschen, die ihr Handwerk beherrschen. Erfahrungswissen, das jahrzehntelang aufgebaut wurde, verschwindet bislang oft geräuschlos aus den Unternehmen – genau in dem Moment, in dem es am dringendsten gebraucht würde. Wie viel dabei verloren geht, haben wir im Beitrag zum Offboarding beschrieben.
Die Möglichkeiten, länger im Arbeitsleben zu bleiben oder später dorthin zurückzukehren, sind heute vielfältiger denn je: Seit dem 1. Januar 2023 ist die Hinzuverdienstgrenze für vorgezogene Altersrenten vollständig entfallen – ein Grund, warum inzwischen mehr als jeder zweite ältere Boomer die Frührente wählt. Und seit 2026 macht die Aktivrente das Weiterarbeiten nach der Regelaltersgrenze attraktiver: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte können dabei bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei verdienen. Für Selbstständige und Minijobber gilt der Freibetrag allerdings nicht.
Erfahrung lässt sich in vielen Formaten einbringen – von Vollzeit über Teilzeit bis zu Projektarbeit oder Mentoring. Wichtig zu wissen: Solche freieren Tätigkeiten werden häufig selbstständig ausgeübt und sind dann gerade nicht über die Aktivrente begünstigt. Wer noch etwas Neues lernen möchte, findet Anregungen unter Weiterbildung ab 60.
Häufige Fragen (FAQ)
Wer zählt zu den Babyboomern?
Als Babyboomer gelten in Deutschland die geburtenstarken Jahrgänge von 1954 bis 1969 – insgesamt über 19 Millionen Menschen.
Wann ist die Rentenwelle der Babyboomer abgeschlossen?
Bis 2036 wird die gesamte Babyboomer-Generation das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht haben. Der Höhepunkt liegt bereits in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre.
Muss ich länger arbeiten, weil Arbeitskräfte fehlen?
Nein. Niemand muss allein wegen des Arbeitskräftemangels über die persönliche Altersgrenze hinaus arbeiten. Wer jedoch freiwillig weitermachen möchte, hat heute deutlich flexiblere Möglichkeiten – von Teilzeit über Projektarbeit bis Mentoring, unterstützt durch die entfallene Hinzuverdienstgrenze und, für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die Aktivrente.
Aus einer Lücke wird eine Chance
Die Rentenwelle der Babyboomer wird meist als Problem erzählt: zu wenige Junge, zu viele Alte, zu wenig Geld. Diese Sorge ist berechtigt, aber sie erzählt nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte lautet: Eine Gesellschaft, der Arbeitskräfte fehlen, kann es sich nicht leisten, auf die Erfahrung von Millionen Menschen zu verzichten. Wer 60 ist, gehört damit nicht zum alten Eisen, sondern zu einer knappen Ressource. Das ist keine Last – das ist eine Position der Stärke.
Quellen
- Institut der deutschen Wirtschaft (IW): „Die Babyboomer erreichen das Rentenalter“, IW-Kurzbericht Nr. 39, 15.06.2026 (Deschermeier/Schäfer). iwkoeln.de
- IW: „1,1 Millionen Babyboomer bezogen im Jahr 2024 vorzeitig eine Rente“, IW-Kurzbericht Nr. 46, 16.07.2026 (Schüler/Seele). iwkoeln.de
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Bevölkerungsentwicklung und Geburtenzahlen 2025 (654.241 Geburten, niedrigster Stand seit 1946). destatis.de
- Bundesministerium der Finanzen: „Aktivrente“ (Steuerfreibetrag bis 2.000 Euro monatlich für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte). bundesfinanzministerium.de
- Deutsche Rentenversicherung: Wegfall der Hinzuverdienstgrenze für vorgezogene Altersrenten seit dem 1. Januar 2023. deutsche-rentenversicherung.de






