3,3 Millionen Menschen kann man sich kaum vorstellen. Drei von zehn schon.
Bis 2040 werden rund 13,3 Millionen der Menschen, die Deutschland 2025 als Erwerbspersonen zur Verfügung standen, das gesetzliche Rentenalter von 67 Jahren überschritten haben. Das entspricht 30 Prozent des damaligen Arbeitskräfteangebots.
Die Babyboomer-Rente wird deshalb nicht nur die Rentenkassen beschäftigen. Sie kann auch Unternehmen, Handwerksbetriebe, Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen und den öffentlichen Dienst verändern. Wenn weniger Menschen arbeiten, kann Deutschland langfristig weniger produzieren – sofern sich Produktivität und Arbeitsangebot nicht verbessern.
Doch die Babyboomer sind nicht einfach eine Lücke, die geschlossen werden muss. Sie sind Menschen mit jahrzehntelanger Erfahrung, eigenen Lebensplänen und dem berechtigten Wunsch, selbst über ihren Ruhestand zu entscheiden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie bringen wir möglichst viele Boomer dazu, länger zu arbeiten?
Sondern: Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Erfahrung freiwillig weitergegeben wird, vorhandene Talente besser eingesetzt werden und weniger Menschen mehr bewirken können?
Inhaltsverzeichnis
Was die Zahl von 13,3 Millionen wirklich bedeutet
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes werden bis 2040 rund 13,3 Millionen der Erwerbspersonen des Jahres 2025 das gesetzliche Rentenalter von 67 Jahren überschritten haben.
Das bedeutet nicht, dass an einem bestimmten Tag 13,3 Millionen Schreibtische, Werkbänke und Fahrersitze leer bleiben.
Einige Babyboomer sind bereits vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden. Andere werden über ihre Regelaltersgrenze hinaus arbeiten. Gleichzeitig kommen jüngere Beschäftigte, Zugewanderte und Menschen aus der sogenannten stillen Reserve auf den Arbeitsmarkt. Automatisierung kann außerdem bestimmte Aufgaben übernehmen.
Trotzdem bleibt die Größenordnung gewaltig. Die jüngeren Altersgruppen sind zahlenmäßig zu klein, um die ausscheidenden Jahrgänge vollständig zu ersetzen.
Bereits 2025 waren 27 Prozent aller Erwerbspersonen mindestens 55 Jahre alt. Der Anteil der Erwerbspersonen ab 65 Jahren stieg zwischen 2015 und 2025 von 2,5 auf 4,3 Prozent.
Ältere Menschen arbeiten also schon heute häufiger als noch vor zehn Jahren. Das allein kann die demografische Entwicklung jedoch nicht ausgleichen.
Lesen Sie dazu auch: Wenn drei von zehn das Rentenalter erreichen: So verändert sich unser Alltag
Warum die Babyboomer-Rente das Wachstum bremst
Wirtschaftswachstum entsteht vereinfacht aus zwei Faktoren:
- wie viele Arbeitsstunden geleistet werden,
- wie produktiv diese Arbeitsstunden sind.
Sinkt die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte, geht auch das mögliche Produktionsvolumen zurück – es sei denn, Beschäftigte arbeiten mehr oder produzieren mithilfe von Technik, besseren Abläufen und Qualifikation mehr in derselben Zeit.
Die Deutsche Bundesbank rechnet in ihrem Basisszenario für die Jahre 2026 bis 2035 nur noch mit einem durchschnittlichen Potenzialwachstum von etwa 0,3 Prozent pro Jahr. Der demografische Altersstruktureffekt könnte das Wachstum in den kommenden Jahren um rund 0,6 Prozentpunkte jährlich dämpfen.
Das bedeutet nicht, dass die Wirtschaft automatisch jedes Jahr um 0,6 Prozent schrumpft. Es bedeutet, dass das mögliche Wachstum geringer ausfällt, als es ohne den demografischen Effekt wäre.
Auch eine McKinsey-Analyse zeichnet ein deutliches Bild: Ohne Gegenmaßnahmen könnte die demografische Entwicklung die deutsche Wirtschaftsleistung bis 2030 jährlich um durchschnittlich 0,7 Prozent belasten.
Solche Berechnungen sind Szenarien, keine sicheren Vorhersagen. Sie zeigen, was passieren könnte, wenn Arbeitsvolumen, Produktivität und politische Rahmenbedingungen weitgehend unverändert bleiben.
Warum längeres Arbeiten allein nicht reicht
Die einfachste politische Antwort lautet häufig: Dann müssen die Menschen eben länger arbeiten.
Das klingt logisch, greift aber zu kurz.
Nicht alle Beschäftigten erreichen das Rentenalter gesund. Wer jahrzehntelang körperlich schwer gearbeitet, im Schichtdienst gestanden oder Angehörige gepflegt hat, besitzt andere Möglichkeiten als jemand mit einem gut bezahlten Büroberuf und flexibler Arbeitszeit.
Außerdem ist die Zahl der fehlenden Arbeitskräfte zu groß, um sie allein durch einen späteren Rentenbeginn auszugleichen.
Freiwilliges Weiterarbeiten kann ein Teil der Lösung sein. Es darf aber nicht zum moralischen Pflichtprogramm für eine Generation werden, die bereits mehrere Jahrzehnte gearbeitet hat.
Die Babyboomer-Rente ist keine Arbeitsverweigerung. Sie ist eine vorhersehbare Folge der Altersstruktur.
Deutschland hatte Jahrzehnte Zeit, sich darauf vorzubereiten. Die Rechnung jetzt ausschließlich an ältere Beschäftigte weiterzureichen, wäre ungefähr so überzeugend wie ein Unternehmen, das die Nachfolge am letzten Arbeitstag des Meisters plant.
Fünf Wege aus der Wachstumslücke
1. Freiwilliges Weiterarbeiten attraktiver machen
Viele Babyboomer können sich vorstellen, nach der Regelaltersgrenze weiterzuarbeiten – aber nicht unbedingt zu denselben Bedingungen wie mit 45.
Gefragt sind Modelle wie:
- reduzierte Wochenarbeitszeiten,
- projektbezogene Einsätze,
- Mentoring und Wissensvermittlung,
- saisonale Beschäftigung,
- Jobsharing,
- flexible Arbeitsorte,
- weniger körperlich belastende Aufgaben.
Seit Januar 2026 bietet die Aktivrente einen zusätzlichen finanziellen Anreiz. Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte können nach Erreichen der gesetzlichen Regelaltersgrenze bis zu 2.000 Euro Arbeitslohn im Monat steuerfrei erhalten.
Die Aktivrente gilt allerdings nicht für selbstständige Tätigkeiten, Beamtenverhältnisse oder Minijobs. Sozialversicherungsbeiträge können weiterhin anfallen.
Mehr dazu: Aktivrente 2026: Wer profitiert und was bleibt netto?
Entscheidend ist nicht nur der Steuerbonus. Menschen bleiben vor allem dann freiwillig, wenn ihre Erfahrung respektiert wird, die Aufgabe sinnvoll ist und die Arbeitsbedingungen zu ihrer Lebensphase passen.
2. Mehr Arbeitsstunden ermöglichen – nicht verordnen
Im Jahr 2025 arbeitete knapp ein Drittel der Erwerbstätigen in Teilzeit. Allerdings wollte nur ein kleiner Anteil deshalb Vollzeit arbeiten, weil keine entsprechende Stelle gefunden wurde.
Teilzeit ist also nicht automatisch eine ungenutzte Arbeitsmarktreserve. Viele Menschen reduzieren ihre Arbeitszeit bewusst oder weil sie Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder gesundheitliche Einschränkungen haben.
Wer mehr Arbeitsstunden ermöglichen will, muss deshalb die Bedingungen verbessern:
- verlässliche Kinderbetreuung,
- bessere Unterstützung bei der Angehörigenpflege,
- flexible Arbeitszeiten,
- weniger finanzielle Nachteile bei Mehrarbeit,
- planbare Schichten,
- passende Weiterbildungsangebote.
Die Bundesbank zeigt in einem Szenario, dass eine durchschnittlich um 1,3 Stunden höhere Wochenarbeitszeit das Potenzialwachstum von etwa 0,3 auf 0,6 Prozent jährlich erhöhen könnte.
Das ist ein erheblicher Effekt. Er entsteht aber nicht durch Appelle, sondern durch bessere Rahmenbedingungen.
3. Qualifizierte Zuwanderung erleichtern
Die jüngeren deutschen Jahrgänge können die Babyboomer zahlenmäßig nicht vollständig ersetzen. Ohne Zuwanderung wird sich die Arbeitskräftelücke daher weiter vergrößern.
Deutschland braucht nicht nur Menschen, die einwandern. Es braucht auch Strukturen, die ihnen einen erfolgreichen Einstieg ermöglichen:
- schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse,
- verständliche und digitale Behördenverfahren,
- berufsbezogene Sprachförderung,
- bezahlbaren Wohnraum,
- Unterstützung für Familien,
- eine verlässliche Bleibeperspektive,
- eine offene Willkommenskultur in den Betrieben.
Zuwanderung ist dabei kein Ersatz für Ausbildung oder bessere Arbeitsbedingungen. Sie ist ein zusätzlicher Baustein.
Wer Fachkräfte gewinnen möchte, muss mehr anbieten als ein kompliziertes Formular und einen Termin in sechs Monaten.
4. Produktivität mit Digitalisierung und KI erhöhen
Wenn weniger Menschen zur Verfügung stehen, müssen Arbeit und Wissen besser organisiert werden.
Künstliche Intelligenz kann beispielsweise:
- Routineaufgaben übernehmen,
- Dokumentationen vorbereiten,
- Informationen schneller auffindbar machen,
- Mitarbeitende bei Analysen unterstützen,
- Verwaltungsprozesse beschleunigen,
- Übersetzungen und Kommunikation erleichtern.
McKinsey beziffert das zusätzliche Wachstumspotenzial durch KI bis 2030 auf rund 265 Milliarden Euro. Die Studie geht außerdem davon aus, dass sich ein großer Teil der heutigen Arbeitsstunden technisch zumindest teilweise automatisieren ließe.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass entsprechend viele Arbeitsplätze verschwinden. In mehr als 80 Prozent der betrachteten Fälle bleiben nach der Analyse menschliche Fähigkeiten notwendig.
KI kann Arbeit ergänzen und produktiver machen. Sie ersetzt aber weder Erfahrung noch Verantwortung, Empathie oder gesundes Urteilsvermögen.
Und sie ist keine Wunderwaffe: Ein schlechter Prozess wird durch KI häufig nur zu einem schnelleren schlechten Prozess.
Lesen Sie auch: Digitalisierung der Babyboomer: Erfahrung trifft neue Technik
5. Erfahrungswissen sichern, bevor es verschwindet
Wenn eine langjährige Fachkraft in Rente geht, verschwindet nicht nur eine Personalnummer aus dem Organigramm.
Es gehen häufig auch Kenntnisse verloren:
- Wie lässt sich eine alte Maschine reparieren?
- Welche Besonderheiten hat ein langjähriger Kunde?
- Wen ruft man an, wenn der Standardprozess nicht funktioniert?
- Welche Fehler wurden schon einmal gemacht?
- Welche informellen Absprachen halten einen Betrieb am Laufen?
Dieses Wissen lässt sich nicht in einem zweistündigen Abschiedsgespräch übertragen.
Unternehmen benötigen deshalb systematische Übergaben, altersgemischte Teams und Mentoringprogramme. Ältere Beschäftigte sollten nicht erst drei Wochen vor dem Ruhestand gefragt werden, ob sie „noch schnell alles dokumentieren“ können.
Ein gutes Offboarding beginnt lange vor dem letzten Arbeitstag und behandelt Erfahrungswissen als Vermögenswert.
Mehr dazu: Offboarding: So bleibt wertvolles Wissen im Unternehmen
Was die Entwicklung für Babyboomer bedeutet
Die Babyboomer werden in der öffentlichen Debatte häufig gleichzeitig als Problem und als Lösung dargestellt.
Einerseits sollen sie angeblich Rentenkassen und Arbeitsmarkt belasten. Andererseits werden ihre Erfahrung, ihre Arbeitskraft und ihr Wissen dringend gebraucht.
Beide Perspektiven übersehen, dass Babyboomer keine einheitliche Gruppe sind.
Manche möchten mit 63 aus einem belastenden Beruf ausscheiden. Andere beginnen nach der Rente ein neues Projekt. Einige möchten zwei Tage pro Woche weiterarbeiten, andere nie wieder einen betrieblichen Kalender sehen.
All das ist legitim.
Der demografische Wandel kann die Verhandlungsposition erfahrener Beschäftigter stärken. Wer gefragtes Wissen besitzt, kann möglicherweise bessere Bedingungen aushandeln:
- weniger Wochenstunden,
- klar begrenzte Verantwortungsbereiche,
- mehr Homeoffice,
- Mentoring statt operativer Dauerbelastung,
- befristete Projekte,
- flexible Auszeiten.
Die Chance liegt nicht darin, einfach länger dasselbe zu tun. Sie liegt darin, Arbeit neu zu gestalten.
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Unternehmen können die Rentenwelle nicht verhindern. Sie können jedoch entscheiden, wie gut sie darauf vorbereitet sind.
Fünf Fragen gehören deshalb auf die Tagesordnung:
- Welche Schlüsselpersonen erreichen in den nächsten fünf Jahren das Rentenalter?
- Welches Wissen befindet sich ausschließlich in ihren Köpfen?
- Wer kann dieses Wissen übernehmen?
- Welche Beschäftigten würden unter veränderten Bedingungen freiwillig länger bleiben?
- Welche Aufgaben lassen sich vereinfachen, digitalisieren oder automatisieren?
Dabei sollte das Gespräch früh beginnen. Wer eine 64-jährige Fachkraft erst kurz vor dem Ruhestand nach ihren Plänen fragt, hat wertvolle Zeit verschenkt.
Genauso wichtig ist Weiterbildung. Neue Technik funktioniert nur, wenn Beschäftigte aller Altersgruppen sie sicher einsetzen können. Weiterbildung ab 60 ist deshalb kein freundliches Extra, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
Lesen Sie dazu: Weiterbildung ab 60: Neue Chancen für erfahrene Fachkräfte
Häufige Fragen zur Babyboomer-Rente
Gehen bis 2040 wirklich 13,3 Millionen Menschen in Rente?
Nicht zwingend alle und nicht gleichzeitig. Bis 2040 werden 13,3 Millionen der Erwerbspersonen des Jahres 2025 das gesetzliche Rentenalter überschritten haben. Einige scheiden früher aus, andere arbeiten länger. Die Zahl beschreibt daher die demografische Größenordnung, nicht die genaue Zahl der Rentenanträge.
Bedeutet das 13,3 Millionen unbesetzte Stellen?
Nein. Nachwuchs, Zuwanderung, höhere Erwerbsbeteiligung, Automatisierung und wirtschaftlicher Strukturwandel verändern den tatsächlichen Personalbedarf. Trotzdem können die jüngeren Jahrgänge die ausscheidenden Babyboomer zahlenmäßig nicht vollständig ersetzen.
Müssen Babyboomer deshalb länger arbeiten?
Nein. Der Arbeitskräftemangel begründet keine persönliche Pflicht, den Ruhestand aufzuschieben. Wer freiwillig weiterarbeiten möchte, dürfte jedoch bessere Chancen auf flexible Modelle und attraktive Bedingungen haben.
Kann KI die fehlenden Arbeitskräfte ersetzen?
Nur teilweise. KI kann Routineaufgaben automatisieren und die Produktivität erhöhen. Viele Tätigkeiten benötigen weiterhin menschliche Erfahrung, Fachwissen, Kommunikation und Verantwortung.
Was bringt die Aktivrente?
Seit 2026 können sozialversicherungspflichtig Beschäftigte nach Erreichen der Regelaltersgrenze bis zu 2.000 Euro Arbeitslohn monatlich steuerfrei erhalten. Für Selbstständige, Beamte und Minijobber gilt der Freibetrag nicht.
Fazit: Die Babyboomer-Rente ist eine Gestaltungsaufgabe
Die Babyboomer-Rente wird Deutschlands Arbeitsmarkt und Wirtschaft verändern. Aber sie verurteilt das Land nicht automatisch zu Fachkräftemangel und Wachstumsschwäche.
Längeres Arbeiten kann helfen – sofern es freiwillig geschieht und die Bedingungen stimmen. Genauso wichtig sind qualifizierte Zuwanderung, bessere Vereinbarkeit, Weiterbildung, Digitalisierung und ein planvoller Wissenstransfer.
Babyboomer sind dabei nicht nur diejenigen, die den Arbeitsmarkt verlassen. Sie können Mentoren, Projektpartner, Gründer, Berater und Brückenbauer zwischen analoger Erfahrung und digitaler Zukunft sein.
Die wichtigste Ressource dieser Generation steht in keiner Bilanz.
Es ist das Wissen darüber, wie es geht.
Quellen
- Tagesschau: Wenn die Babyboomer in Rente gehen, wird es eng, 05.09.2026, abgerufen am 17.09.2026.
- Statistisches Bundesamt: 13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das Rentenalter, 23.06.2026, abgerufen am 17.09.2026.
- Deutsche Bundesbank: Auswirkungen des demografischen Wandels auf Arbeitsangebot und Wachstum, Juni 2026, abgerufen am 17.09.2026.
- McKinsey: Die Kraft der Köpfe, 18.08.2026, abgerufen am 17.09.2026.
- Statistisches Bundesamt: Unfreiwillig Teilzeitbeschäftigte 2025, 23.07.2026, abgerufen am 17.09.2026.
- Bundesfinanzministerium: Fragen und Antworten zur Aktivrente, abgerufen am 17.09.2026.
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